2.2 Vorläufige Bewertung des Hochwasserrisikos

Die vorläufige Bewertung des Hochwasserrisikos ist gemäß § 73 WHG (Art. 4 HWRM-RL) bis zum 22. Dezember 2011 abgeschlossen worden. Sie umfasst die unter Art. 4 HWRM-RL geforderte Beschreibung vergangener und möglicher künftiger Hochwasserereignisse und deren Auswirkungen zur Identifikation von Gebieten mit potenziellem signifikantem Hochwasserrisiko nach Art. 5 HWRM-RL.

Bei der vorläufigen Risikobewertung werden auf Basis des Artikels 2 Nummer 2 der HWRM-RL unterschiedliche Hochwassertypen betrachtet und auf deren Signifikanz untersucht:

  • Hochwasser von oberirdischen Gewässern (Fluvial Floods)
  • Oberflächenabfluss (Pluvial floods)
  • Zu Tage tretendes Grundwasser (Groundwater)
  • Versagen wasserwirtschaftlicher Anlagen (Artificial Infrastructure Failure of Impoundments)
  • Überforderung von Abwasseranlagen (Artificial Infrastructure Sewerage Systems)

Hochwasser durch Oberflächenabflüsse treten meist nur lokal auf und werden in der Regel durch konvektive Starkniederschläge verursacht. Diese können überall auftreten. Somit kann kein signifikant höheres räumliches Risiko zugeordnet werden. Dieser Hochwassertyp verursacht in der Regel erst dann signifikante Hochwasserrisiken für einzelne, konkrete Gewässerabschnitte, wenn sich die Oberflächenabflüsse in Gewässern sammeln. Diese Ereignisse sind dann implizit über die Betrachtung von Hochwasserrisiken an den oberirdischen Gewässern berücksichtigt.

Hochwasser durch die kapazitive Überforderung von Abwasseranlagen wird als nicht signifikant angesehen, da diese Überflutungen meist durch konvektive Starkniederschläge ausgelöst werden, die nur lokal begrenzt auftreten. In den die Überflutung auslösenden Hochwassern im Gewässer sind die Abflüsse aus Abwasseranlagen einschließlich derjenigen aus der Niederschlagsentwässerung befestigter Flächen allerdings enthalten, die bei der Bewertung des Hochwasserrisikos also insoweit berücksichtigt sind. Nicht berücksichtigt wird demgegenüber der Rückstau aus dem Kanalnetz in innerörtlichen Bereichen, der aus Niederschlagsereignissen resultiert, die über das Ereignis hinausgehen, das der Bemessung des Kanalnetzes zugrunde liegt.

Zu Tage tretendes Grundwasser könnte räumlich und zeitlich begrenzt nur in einigen wenigen Gewässerabschnitten ein relevantes Ausmaß erreichen, um signifikante nachteilige Folgen für die Schutzgüter verursachen zu können. Diese Risiken werden von den Hochwasserrisiken durch die Oberflächengewässer überlagert und deshalb nicht gesondert betrachtet.

Das Risiko des Versagens wasserwirtschaftlicher Stauanlagen wird in Deutschland durch hohe Anforderungen an Planung, Bau, Unterhaltung und Kontrolle der Anlagen begrenzt. Die Wahrscheinlichkeit des Versagens liegt deutlich unter den Extremereignissen an den Oberflächengewässern. Dieser Hochwassertyp ist deshalb nicht signifikant und wird im Rahmen der ersten Vorläufigen Risikobewertung nicht weiter betrachtet.

Daher werden im Binnenland der FGG Elbe nur Hochwasser von oberirdischen Gewässern und in Küstengebieten zusätzlich Ereignisse durch eindringendes Meerwasser berücksichtigt. Die Beschreibung der vergangenen Hochwasserereignisse, als eine der Grundlagen für die vorläufige Bewertung der Hochwasserrisiken, berücksichtigt auch vergangene Eishochwasser (vgl. Bericht zur vorläufigen Bewertung des Hochwasserrisikos (FGG Elbe 2011)).

Bereits im Vorfeld des Inkrafttretens der HWRM-RL wurden umfangreiche Aktivitäten im Bereich Hochwasserschutz/Hochwasserrisikomanagement unternommen. Um die bereits vorliegenden Ergebnisse nutzen zu können, bzw. bereits getroffene Festlegungen der zuständigen Behörden in den Ländern zu berücksichtigen, wird mit § 73 Abs. 5 WHG (Art. 13 HWRM-RL) die Möglichkeit eingeräumt, sogenannte Übergangsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen. Im deutschen Einzugsgebiet der Elbe haben der Freistaat Sachsen und das Land Brandenburg von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Die Methodik zur Ausweisung der Risikogebiete ist in der Veröffentlichung der FGG Elbe „Information der Öffentlichkeit gemäß § 79 WHG über die Umsetzung der Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie (Richtlinie 2007/60/EG) für den deutschen Teil der Flussgebietseinheit Elbe – Vorläufige Bewertung des Hochwasserrisikos – Bestimmung der Risikogebiete – Inanspruchnahme von Übergangsmaßnahmen“ (FGG Elbe 2011) ausführlich beschrieben.

Die Länder der FGG Elbe verwenden für die Beurteilung, ob signifikante nachteilige Auswirkungen entstanden sind bzw. entstehen können, die nachfolgend aufgeführten Indikatoren. Aufgrund von regionalen Besonderheiten werden für die Beurteilung der Signifikanz der Hochwasserereignisse unterschiedliche Signifikanzgrenzen in den Ländern verwendet. Das bedeutet auch, dass die aufgeführten Indikatoren nicht überall angewendet werden. Ein Hochwasserereignis wurde als signifikant eingestuft, sobald für eines der aufgeführten Schutzgüter die jeweilige regionalspezifische Signifikanzgrenze überschritten ist.

Kriterien zur Bewertung der nachteiligen Folgen für das Schutzgut menschliche Gesundheit sind sowohl nachteilige Folgen für den Menschen selbst (zum Beispiel „Gefährdung von Leib und Leben“) als auch die gesellschaftlich relevante Betroffenheit von Gebäuden und öffentlichen Einrichtungen. Indikatoren zur Bewertung des Umfangs der Betroffenheit (Signifikanzgrenzen) sind die Anzahl aufgeführter Todesopfer (≥1), die vom Hochwasser betroffenen Einwohner (≥100) bzw. die Anzahl oder der prozentuale Anteil der betroffenen Gebäude (≥10), Krankenhäuser (≥1), Schulen (≥1) oder andere schutzbedürftige Infrastrukturen (≥1).

Für das Schutzgut Umwelt werden als Kriterien die Betroffenheit bzw. das Vorhandensein von Schutzgebieten und potenziellen Verschmutzungsquellen berücksichtigt. Als Indikatoren dienen dabei geschützte Gebiete gemäß Art. 6 WRRL (≥1) oder deren prozentualer Anteil, soweit diese durch eine IVU-Anlage im Hochwasserfall betroffen sein könnten. Darüber hinaus wurden Trinkwasserschutzgebiete der Zone 1 bzw. Trinkwasserschutzgebiete (≥1) oder deren prozentual betroffener Anteil als Indikator verwendet. Hinsichtlich der Verschmutzungsquellen gilt bereits eine betroffene PRTR-Anlage als signifikant.

Hinsichtlich des kulturellen Erbes gilt die Betroffenheit bzw. das Vorhandensein einer hochwasserempfindlichen UNESCO-Weltkulturerbestätte oder anderer Kulturerbestätten von landesweiter Bedeutung als signifikant.

Das Schutzgut wirtschaftliche Tätigkeit wird anhand der Kriterien Wohnstätten, Infrastruktur sowie wirtschaftliche Aktivitäten abgebildet. Als Indikatoren für die Wohnstätten wurde die Anzahl oder der prozentuale Anteil betroffener Gebäude (≥10) oder Wohnbauflächen bzw. Flächen gemischter Nutzung gemäß ATKIS (≥1) herangezogen. Als Indikator für Infrastruktureinrichtungen werden überregionale Verkehrsinfrastrukturen herangezogen, deren Betroffenheit – teilweise abhängig von der betroffenen Fläche – als signifikant gilt.

Indikator für wirtschaftliche Aktivitäten ist das Vorhandensein oder der prozentuale Anteil von betroffenen Industrie- und Gewerbeflächen gemäß ATKIS (≥1). Vom Hochwasser betroffene landwirtschaftliche Nutzungen werden in Teilen des Elbegebietes dann als signifikant betrachtet, wenn es sich um kulturlandschaftlich besonders bedeutsame Flächennutzungen (≥1 km²) handelt.

Des Weiteren wird eine schutzgutübergreifende Signifikanzschwelle anhand der Überschreitung von monetären Schadenspotenzialen angewandt. Eine Signifikanz ist hier gegeben, wenn innerhalb einer Gemeinde ein Schadenspotenzial von 500.000 Euro erreicht oder überschritten wird.

Abbildung 2.5 zeigt das Ergebnis der vorläufigen Bewertung des Hochwasserrisikos. Dargestellt sind die Gewässer und Gewässerabschnitte, für die ein potenzielles signifikantes Hochwasserrisiko besteht oder für welche ein Beschluss nach Art. 13 Abs. 1 b) HWRM-RL gefasst wurde. Die folgende Tabelle 2.7 fasst Anzahl und Länge der gemeldeten Risikogebiete (APSFR) zusammen:

Tabelle 2.7: Anzahl APSFR und Länge der Risikogewässer je KOR (Grundlage: Datenendupload am 11.08.2015)
Koordinierungsraum Anzahl APSFR Länge Risikogewässer [km]
TEL 17 682,9
MEL 35 952,8
HAV 105 1.591,7
SAL 86 2.492,8
MES 38 2.112
ODL 1 26,1
BER - -
HVL - -

 

Im Rahmen der Berichterstattung zu Art. 6 HWRM-RL wurde von einigen Bundesländern die Kulisse der Risikogebiete, die im Rahmen der vorläufigen Bewertung des Hochwasserrisikos ermittelt wurden, nochmals geringfügig angepasst. Gründe hierfür waren z. B., dass sich im Rahmen der Erstellung der Hochwassergefahren- und -risikokarten keine signifikanten Hochwasserfolgen ermitteln ließen. Dies wurde für die Auswertungen berücksichtigt.

Abbildung 2.5: Gewässer und Gewässerabschnitte, für die ein potenzielles signifikantes Hochwasserrisiko besteht oder für welche ein Beschluss nach Art. 13 Abs. 1 b) gefasst wurde
Abbildung 2.5: Gewässer und Gewässerabschnitte, für die ein potenzielles signifikantes Hochwasserrisiko besteht oder für welche ein Beschluss nach Art. 13 Abs. 1 b) gefasst wurde